Was ist homosexuell? Einfach erklärt für Neugierige

Homosexualität ist weit mehr als eine simple Definition – sie ist ein Spektrum, geprägt von Geschichte, Identität und gesellschaftlichen Widersprüchen. Dieser ehrliche Überblick räumt mit Klischees auf und zeigt, warum Begriffe wie „schwul" und „lesbisch" heute oft treffender sind. Ein lesenswerter Einstieg für alle, die verstehen wollen, was es wirklich bedeutet.

Was ist homosexuell? Einfach erklärt für Neugierige

Was ist homosexuell? Eine ehrliche Einordnung jenseits von Klischees

Die Frage klingt simpel. Und doch steckt dahinter mehr, als die meisten vermuten. Homosexualität beschreibt die romantische und sexuelle Anziehung zu Menschen des eigenen Geschlechts. So weit, so klar. Aber je länger ich mich mit dem Thema beschäftige – privat wie beruflich – desto mehr merke ich: Diese eine Definition greift viel zu kurz. Sie sagt nichts darüber, was es bedeutet, als homosexueller Mensch in einer Gesellschaft zu leben, die heterosexuell als Norm setzt. Sie sagt nichts über die Unterschiede zwischen schwulen Männern und lesbischen Frauen, über die Geschichte des Begriffs oder darüber, warum er bei vielen Menschen heute eher Unbehagen auslöst.

Ich will hier keine staubige Abhandlung schreiben. Ich möchte Ihnen einen ehrlichen Überblick geben – mit all den Widersprüchen, die dazugehören.

Wichtige Erkenntnisse

  • Homosexualität bedeutet romantische und sexuelle Anziehung zum eigenen Geschlecht – als Spektrum, nicht als Schublade
  • Der Begriff wurde 1869 von Karl Maria Kertbeny geprägt und hat eine problematische medizinische Vergangenheit
  • Viele Betroffene bevorzugen heute die Begriffe "schwul" und "lesbisch" statt "homosexuell"
  • Es gibt keine Hinweise darauf, dass Homosexualität "heilbar" oder eine Krankheit ist – die WHO strich sie 1990 aus dem Diagnosekatalog
  • Die Ursachen sind komplex: biologische, hormonelle und soziale Faktoren spielen zusammen

Homosexualität: Mehr als nur eine Definition

Wenn mir jemand die Frage stellt "was ist homosexuell", dann geht es meistens nicht um die nackte Definition. Es geht um Verunsicherung. Vielleicht bei der eigenen Person. Vielleicht beim eigenen Kind. Vielleicht bei einem Freund.

Deshalb fange ich anders an: Homosexualität ist keine Entscheidung. Ich habe in meinem Umfeld genug Menschen erlebt, die ihre Sexualität jahrelang verdrängt haben – keiner von ihnen hat sich das ausgesucht. Man wacht nicht eines Morgens auf und denkt: "Ach, ich wäre heute gerne schwul." So funktioniert das nicht.

Was Homosexualität ausmacht, ist ein Zusammenspiel aus körperlicher Anziehung, emotionaler Bindung und – bei vielen – einer Identität, die daraus erwächst. Sie kann sich bei jedem Menschen unterschiedlich äußern. Wichtig ist: Es gibt nicht die eine homosexuelle Erfahrung.

Was bedeutet homosexuell sein für Männer?

Schwule Männer fühlen sich zu anderen Männern hingezogen. Klingt banal, oder? Aber die gesellschaftlichen Erwartungen sind massiv. Als schwuler Mann trägst du ständig die Frage mit dir herum: "Wann kommst du endlich mit einer Frau an?" – besonders in konservativen Familien. Ich habe einen Freund, der jahrelang zu Familienfeiern ging und sich anhören musste, wann er denn endlich "eine Richtige" findet. Die Unsichtbarkeit schwuler Männlichkeit ist ein Thema, über das kaum gesprochen wird.

Wie unterscheidet sich das Erleben lesbischer Frauen?

Lesbische Frauen haben mit anderen Vorurteilen zu kämpfen. Ihre Beziehungen werden oft nicht ernst genommen oder sexualisiert. "Zwei Frauen, das ist doch nur eine Phase" – diesen Spruch hören viele lesbische Frauen bis heute. Dazu kommt: Weibliche Homosexualität war historisch gesehen weniger sichtbar, weil sie seltener als Bedrohung der Gesellschaftsordnung gesehen wurde.

Ein Punkt, den ich in dem Zusammenhang wichtig finde: Die Erfahrungen schwuler Männer und lesbischer Frauen sind nicht austauschbar. Sie haben unterschiedliche gesellschaftliche Realitäten, unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen und auch unterschiedliche Subkulturen. Wenn wir über Homosexualität sprechen, müssen wir das differenziert betrachten.

Die Geschichte eines Begriffs: Warum "homosexuell" umstritten ist

Hier wird es interessant – und vielleicht etwas unbequem. Der Begriff "homosexuell" ist nicht neutral. Er wurde 1869 vom Schriftsteller Karl Maria Kertbeny geprägt. Kertbeny war Ungar und setzte sich eigentlich für die Abschaffung von Sodomiegesetzen ein. Ein Fortschritt, könnte man meinen.

Die Geschichte eines Begriffs: Warum "homosexuell" umstritten ist

Aber: Der Begriff entstand im medizinischen Kontext des 19. Jahrhunderts. Und in der Medizin wurde Homosexualität lange als Störung betrachtet. Es dauerte bis 1990, bis die Weltgesundheitsorganisation (WHO) Homosexualität offiziell von der Liste der Krankheiten strich. Das ist noch gar nicht so lange her.

Deshalb verwenden viele Menschen den Begriff heute kritisch. "Schwul" und "lesbisch" sind Eigenbezeichnungen – sie kommen aus der Community selbst. "Homosexuell" klingt für viele nach Diagnose, nach Krankenakte. Das ist ein wichtiger Unterschied, den viele heterosexuelle Menschen nicht kennen.

Ehrlich gesagt: Ich benutze "homosexuell" nur noch, wenn ich über den historischen Kontext spreche oder wenn es um formale Zusammenhänge geht. Im Alltag sagt man schwul oder lesbisch. Oder eben einfach: "mein Freund", "meine Freundin".

Woher kommt Homosexualität? Der Stand der Forschung

Die Frage nach der Ursache beschäftigt Menschen seit Jahrzehnten. Und die Antwort ist ernüchternd: Es gibt keine einzelne Ursache.

Die Forschung deutet auf ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren hin:

  • Genetische Einflüsse: Studien an Zwillingen legen nahe, dass Gene eine Rolle spielen, aber sie bestimmen nicht alles
  • Hormonelle Faktoren: Die Hormonexposition im Mutterleib könnte die spätere Sexualität mitprägen
  • Psychosoziale Aspekte: Die sexuelle Identität entwickelt sich im Zusammenspiel von Anlagen und Umfeld

Eine wichtige Erkenntnis: Der Anteil der Menschen, die sich als homosexuell identifizieren, liegt in den meisten westlichen Gesellschaften bei schätzungsweise 3 bis 7 Prozent der Bevölkerung. Allerdings ist die Dunkelziffer hoch – viele Menschen haben gleichgeschlechtliche Erfahrungen, ohne sich als homosexuell zu bezeichnen.

Ich sage das bewusst so vage, weil die Zahlen je nach Erhebungsmethode stark schwanken. Manche Studien kommen auf 3 Prozent, andere auf deutlich höhere Werte. Was ich aus meiner Arbeit mitnehme: Die sexuelle Orientierung ist kein Entweder-oder, sondern ein Spektrum.

Kann Homosexualität "behandelt" werden?

Nein. Und wer das behauptet, sollte vorsichtig sein. Es gibt sogenannte Konversionstherapien, die Homosexualität "heilen" wollen – sie sind wissenschaftlich widerlegt und in vielen Ländern verboten. Diese sogenannten Behandlungen richten massiven psychischen Schaden an.

Wer mit seiner sexuellen Orientierung hadert, braucht Unterstützung, keine "Therapie". Der Weg geht nicht darum, die Orientierung zu ändern, sondern darum, sie anzunehmen.

Homosexuelle Paare: Rechtliche Lage im deutschsprachigen Raum

Hier hat sich in den letzten Jahren massiv etwas getan – und trotzdem gibt es Unterschiede.

Homosexuelle Paare: Rechtliche Lage im deutschsprachigen Raum
Deutschland: Die Ehe für alle gilt seit Oktober 2017. Homosexuelle Paare können also heiraten und adoptieren. Davor gab es die eingetragene Lebenspartnerschaft, die aber lange nicht alle Rechte der Ehe umfasste. Österreich: Die Ehe wurde 2019 für gleichgeschlechtliche Paare geöffnet. Auch hier war der Weg steinig – das Verfassungsgericht musste nachhelfen. Schweiz: Die Ehe für alle kam 2022 per Volksabstimmung zustande. Die Schweiz war damit das erste Land, das die Eheöffnung per Referendum beschlossen hat – ein bemerkenswertes Signal.

Doch rechtliche Gleichstellung bedeutet nicht gesellschaftliche Gleichstellung. Diskriminierung gibt es weiterhin – am Arbeitsplatz, bei der Wohnungssuche, in der Familie. Viele homosexuelle Paare erleben das bis heute.

Häufige Fragen zur Homosexualität

Ist Homosexualität in der Bibel ein Thema?

Ja, und es ist komplizierter, als viele denken. Die Bibel thematisiert gleichgeschlechtliche Sexualität nur an wenigen Stellen – und die Interpretationen gehen weit auseinander. Manche Theologen sehen klare Verbote, andere weisen darauf hin, dass die historischen Kontexte der Bibelstellen kaum mit heutigen Vorstellungen von gleichgeschlechtlichen Beziehungen vergleichbar sind. Die meisten christlichen Kirchen haben sich inzwischen differenzierter positioniert – freilich mit großen Unterschieden zwischen den Konfessionen.

Welche Flagge steht für Homosexualität?

Die Regenbogenflagge ist das bekannteste Symbol der LGBTQ+-Bewegung. Sie wurde 1978 vom Künstler Gilbert Baker entworfen und steht für Vielfalt und Toleranz. Es gibt inzwischen auch erweiterte Versionen, die zum Beispiel Menschen of Color oder Transpersonen einbeziehen.

Wie sagt man "homosexuell" auf Englisch?

"Homosexual" – allerdings gilt das auch im Englischen als eher klinisch. Im Alltag sagt man "gay" (für schwul oder allgemein homosexuell) und "lesbian" (für lesbisch). Das Adjektiv "gay" nutzt man auch für "geoutet" sein – "to come out as gay".

Gibt es ein Gegenteil von homosexuell?

Das Gegenteil ist heterosexuell – also die Anziehung zum anderen Geschlecht. Daneben gibt es noch Bisexualität (Anziehung zu beiden Geschlechtern) und weitere Orientierungen. Die Begriffe "homosexuell" und "heterosexuell" stammen übrigens beide aus derselben Zeit und wurden vom selben Autor geprägt – Karl Maria Kertbeny hat auch den Begriff "heterosexuell" erfunden.

Homosexualität in der DDR – ein unbequemes Kapitel

Ein Aspekt, der im deutschsprachigen Diskurs oft übersehen wird: Die Situation in der DDR war widersprüchlich. Einerseits wurde der § 175 – der Paragraf, der Homosexualität unter Strafe stellte – in der DDR bereits 1968 entschärft und 1988 komplett gestrichen. Das war früher als in Westdeutschland, wo der Paragraf erst 1994 endgültig abgeschafft wurde.

Homosexualität in der DDR – ein unbequemes Kapitel

Andererseits: Offenheit sah anders aus. In der DDR gab es keine nennenswerte queere Öffentlichkeit. Coming-out war kaum möglich, die gesellschaftlichen Normen waren strikt. Viele schwule und lesbische Menschen in der DDR erlebten Diskriminierung und mussten ihre Identität verbergen – auch gegenüber dem Staat, der offiziell toleranter war, aber Kontrolle über das öffentliche Leben anstrebte.

Die historische Aufarbeitung dieser Zeit ist bis heute lückenhaft. Es gibt kaum Aufarbeitung institutionalisierter Diskriminierung – anders als bei der NS-Verfolgung der Homosexuellen, die durch den Paragrafen 175 in der NS-Zeit verschärft wurde und nach 1945 in den beiden deutschen Staaten teilweise fortbestand.

Coming-out: Ein lebenslanger Prozess

Der Moment, in dem man sich eingesteht, homosexuell zu sein, ist nur der Anfang. Das Coming-out ist kein einzelnes Ereignis – es ist ein Prozess, der sich immer wieder wiederholt. Jedes Mal, wenn man neue Menschen kennenlernt, stellt sich die Frage: Sage ich es? Wann? Wie?

Aus meiner eigenen Erfahrung und der vieler Menschen in meinem Umfeld weiß ich: Die Frage "was ist homosexuell" ist in den meisten Fällen eigentlich die Frage "wie gehe ich damit um". Und darauf gibt es keine pauschale Antwort.

Was ich gelernt habe: Der Schmerz des Versteckens ist fast immer schlimmer als die Angst vor der Reaktion. Und: Die meisten Menschen reagieren besser als erwartet. Nicht alle, aber die meisten. Die, die negativ reagieren, sagen mehr über sich selbst aus als über einen selbst.

Es gibt heute gute Anlaufstellen für junge Menschen in der Phase des Coming-outs – Beratungsstellen, queere Jugendgruppen, Online-Foren. Hilfe zu suchen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge.

Was ich mir wünschen würde – ein ehrlicher Abschluss

Wenn ich auf all die Gespräche, Erfahrungen und Begegnungen zurückblicke, bleibt für mich ein Punkt zentral: Die Frage "was ist homosexuell" beantwortet sich nicht durch Definitionen. Sie beantwortet sich durch Begegnung. Durch Menschen, die nicht in Kategorien passen, aber trotzdem gehören.

Homosexualität ist ein Teil menschlicher Vielfalt – kein Defekt, keine Phase, keine Krankheit. Sie ist eine Art zu lieben, die nur dann problematisch ist, wenn Menschen sie zum Problem machen.

Und ehrlich gesagt: Wer einen Menschen liebt, sollte niemals dafür um Verzeihung bitten müssen. Vielleicht ist das die eigentliche Antwort auf die Frage – eine, die sich nicht in einem Lexikon finden lässt, aber im Leben.

Sebastian Berger

Sebastian Berger

Sebastian Berger berichtet seit über zehn Jahren als Journalist über politische Entscheidungsprozesse, wirtschaftliche Entwicklungen sowie wissenschaftliche Durchbrüche. Seine Arbeit umfasst die Analyse von Haushaltspolitik, die Berichterstattung über Kapitalmärkte und die Einordnung technologischer Innovationen.

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